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Oktober, 2016

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Zeit der Trauer

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Ich finde es sehr spannend zu beobachten, wie mein direktes Umfeld auf den Tod meines Vaters reagiert. Und Menschen, die JETZT nur an sich denken, keinen Augenblick darüber nachdenken, wie es mir gerade gehen könnte und mich mit Belanglosigkeiten belästigen, werden ausgesiebt und ich werde mich nicht mehr bei ihnen melden. Punkt.

Wieviel wertvoller sind in dieser Situation Freunde, die EINFACH für mich da sind! Die zuhören, mit mir lachen und weinen, mit mir kochen und essen, einfach da sind. Denen ich nicht erklären muss, warum ich gerade traurig aussehe. Denen es gelingt, Lachen und Leichtigkeit zu bringen. Die eine Ahnung von meinem Schmerz haben, der für mich völlig unvorstellbar war.

Wieviel wertvoller sind mir Arbeitskolleginnen, die mir Umarmungen und Bilder per WhatsApp schicken. Die mir mitteilen, dass sie gerade an mich denken und mich vermissen. Die meinen Schmerz mitfühlen und mich mit ihrer Anteilnahme auffangen und trösten.

Es geht nicht darum, dass ich jetzt das Verhältnis zu meinem Vater auflöse; das braucht seine Zeit. Ein jegliches hat seine Zeit und jetzt ist die Zeit der Trauer. Es geht mir darum festzuhalten, dass ich nicht alleine bin. Und meine Mutter auch nicht. Und wenn IRGENDJEMAND nicht nachvollziehen kann, dass ich mich nicht ablenken, sondern für meine Mutter da sein möchte, hat er in meinem Leben nichts mehr zu suchen. Ich habe keine Geschwister, vor acht Wochen haben wir die Schwester meines Vaters beerdigt, meine Familie sind jetzt meine Mutter und ich. Und eben die Freunde, die sich jetzt – mal wieder oder auch das erste Mal, weil neu in meinem Leben, – als Freunde beweisen. Denen ich mich nicht erklären muss. Und für die ich dankbar bin.

Tag 6

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Die ersten Nächte “danach” habe ich tief und traumlos und völlig erschöpft geschlafen. Mama und ich haben auch schon viel organisiert: Bestatter, Trauerfeier, Grabstätte, Grabstein etc. pp. Was da alles zu tun ist! Das Gute daran ist, dass ich beschäftigt bin.

Gestern habe ich ein Gedicht gefunden, das ich mir damals aus AKZENTE – Zeitschrift für Dichtung abgeschrieben habe. Die Zusammenfassung, die dicken Bände mit dem ganz dünnen Papier, stehen irgendwo bei mir im Keller. In einer Kiste mit den Sachen meines Vater… Dieses Gedicht habe ich damals auf dem grauen Umweltpapier mit der Schreibmaschine abgekleppert, als ich mir das Zehn-Finger-System beigebracht habe. Mit einer unendlich lauten elektrischen Schreibmaschine. War die laut! Wenn ich an der Stelle meiner Mutter gewesen wäre, wäre ich längst ausgeflippt. Aber sie hat das Brummen und Anschlagen der Tasten geduldig ertragen. Auch Danke dafür!

 

Wladimir Majakowskij

 

Es gibt noch wenig Lust

auf unserm Stern.

Man muss

die Freude

aus der Zukunft

reißen.

In diesem Leben

stirbt man leicht und gern.

Bedeutend schwerer ist:

das Leben meistern.

Papa, Du fehlst mir.

Darauf kann man sich nicht vorbereiten

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Gestern ist mein Vater gestorben.

Schon vor einer Weile habe ich versucht mir vorzustellen wie es sein wird, wenn er es “geschafft” hat, denn er hat meiner Mutter immer wieder gesagt, dass er keine Lust mehr hat und zeitweise auch nur wenig, noch weniger, gegessen. Bislang hatte er sich immer wieder berappelt… Letzten MI war ich mit einer Freundin bei meiner Mama und wir sind auch bei meinem Vater vorbei. Da habe ich ihn das letzte Mal lebend gesehen. Und als wir gegangen sind, war er wieder ärgerlich und genervt. Aber so will und werde ich ihn nicht in Erinnerung behalten!

Gestern Abend war ich auf der Langen Nacht der Münchner Museen und ich hatte mein Handy lautlos gestellt, weil wir auf einem Gamelankonzert (sehr gewöhungsbedürftig…)  im Stadtmuseum waren. Als wir später noch im Haus unterwegs waren, hat wieder mein Handy geklingelt und ich bin drangegangen. Die Station meines Vater. Er ist verstorben. (Was ist eigentlich der Unterschied zwischen verstorben und gestorben? Dass ich mir diese Frage gestellt habe ist das nächste, an das ich mich erinnern kann.) Sofort bin ich ins Münchenstift. Meine Mutter war nicht auf ihrem Zimmer und ich bin zur Station meines Vater. Ich wusste nicht wirklich, was mich erwartet. Mama war da; in Tränen aufgelöst. Diese starke Frau! Und mein Vater lag, mit einem Paravent abgeschirmt, in seinem Bett und sah aus, als würde er schlafen. In dieser Stellung hatte ich ihn die letzten Male oft gesehen und wir haben ihn dann immer geweckt. Dieses Mal habe ich es auch versucht, mich auf sein Bett gesetzt und ihm die Hände auf die Brust gelegt. Aber es war mein Puls, den ich gespürt habe. Er war noch ganz warm. Und sah so friedlich aus. Eine Träne in den Augen, aber die Gesichtszüge ganz entspannt. Die erste Leiche, die ich gesehen habe. Es war für mich gar nicht so schlimm. Schlimmer fand ich seinen Anblick letztes Jahr, als ich ihn im Krankenhaus gesehen habe. Und dann auf der Pflegestation. Offensichtlich habe ich mich die letzten Monate an diesen Anblick gewöhnt.

Langsam sickert in mein Hirn, dass er nicht mehr da ist. In einer guten Woche wäre ihre kirchliche Hochzeit über 54 Jahre her. Ich hab noch so viel, was ich ihm sagen wollte. Ich hab noch so viel, worüber ich mit ihm streiten wollte. Noch so viel offene Auseinandersetzung! Nein, darauf kann man sich nicht vorbereiten.