Eigentlich wollte ich am Ersten Mai wandern gehen; bin aber versetzt worden. Also habe ich genutzt, dass am 1. Mai die Freibadsaison in München eröffnet wird und war schwimmen. Das Freibad war ziemlich voll; lauter bleiche Leiber lagen herum. Das wird sich in den nächsten Wochen ändern… Oder auch nicht – wenn das Wetter so bleibt wie aktuell, mit grauem Himmel und Regen. Was mir natürlich mehr als Recht ist, da weniger Leute im Wasser sind und ich im Becken mehr Platz habe. Auch wenn es sehr schön ist, nach dem Schwimmen noch ein bisschen in der Sonne zu liegen.

Auf der Straße zum Bad kam mir eine Frau entgegen, die offensichtlich vor kurzem aus dem Becken gekommen war, denn sie hatte noch den Brillenabdruck im Gesicht. Sie sah aus wie ein Frettchen. Frettchen? Da fällt mir doch ein Gernhardt-Gedicht ein – und die Meisen haben ihre  Nistkästen auch schon bezogen.

Folgen der Trunksucht
Robert Gernhardt

Seht ihn an, den Texter.
Trinkt er nicht, dann wächst er.
Mißt nur einen halben Meter -
weshalb, das erklär ich später.

Seht ihn an, den Schreiner.
Trinkt er, wird er kleiner.
Schaut, wie flink und frettchenhaft
er an seinem Brettchen schafft.

Seht ihn an, den Hummer.
Trinkt er, wird er dummer.
Hört, wie er durchs Nordmeer keift,
ob ihm wer die Scheren schleift.

Seht sie an, die Meise.
Trinkt sie, baut sie Scheiße.
Da! Grad rauscht ihr drittes Ei
wieder voll am Nest vorbei.

Seht ihn an, den Dichter.
Trinkt er, wird er schlichter.
Ach, schon fällt ihm gar kein Reim
auf das Reimwort “Reim” mehr eim.